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Liebesleben als Herausforderung für Theologie und Kirche

Auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017 hatte sich die Evangelische Kirche in Deutschland besonders dem Thema „Toleranz“ als ein Kernthema der Reformation gewidmet. Dabei geht es im historisch-reflexiven Diskurs vor allem um die Frage nach der Toleranz der Religionen, um das gespannte Verhältnis zwischen Kirche und philosophischer Aufklärung, zwischen Religion und Demokratie – schließlich um politische wie spirituelle Freiheit und Menschenrechte.

Wenn die Toleranz als Errungenschaft des Protestantismus heute in Anspruch genommen wird, dann geht dies nicht ohne die selbstkritische Perspektive auf den langen Weg dieser Entwicklung und die Schatten, die die Reformation selbst auf ihn warf. Das protestantische Prinzip einer stets veränderungsbedürftigen Kirche („ecclesia semper reformanda“) verpflichtet uns immer, sensibel zu bleiben auch für innerkirchliche Denkstrukturen, die Rassismus, Diskriminierung und Unterdrückung bedingen. Toleranz lebt von einer inneren Balance – einer Balance zwischen Aushalten, Respektieren und kritischem Reflektieren. In der Fähigkeit zu einer differenziert verstandenen und praktizierten Toleranz wird der Christenmensch mündig für das Leben in Freiheit.

Mit diesem Selbstverständnis haben Evangelische Frauen in Deutschland und Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland das Thema Toleranz zum Schwerpunkt ihrer gemeinsamen Arbeit im Evangelischen Zentrum Frauen und Männer gemacht. Dabei richtet sich der Blick insbesondere auf Menschen, deren sexuelle Orientierung, geschlechtliche Identität oder Lebensentwurf sich außerhalb unserer gesellschaftlichen Norm der Zweigeschlechtlichkeit und der Heterosexualität entfalten.

Unsere Gesellschaft tut sich mit dem normabweichenden So-Sein dieser Menschen schwer. Verunsicherungen und Irritationen bestimmen oft den Umgang mit der geschlechtlichen „Uneindeutigkeit“. Warum ist uns aber die Eindeutigkeit des Geschlechtes so wichtig? Und warum sind wir so auf die Zweigeschlechtlichkeit fixiert? Vielleicht weil wir hoffen, dass die Kultur der Zweigeschlechtlichkeit als Muster in der Lage sei, der Sehnsucht vieler Menschen nach sexueller Identität und Orientierung gerecht zu werden. Dabei wird leicht übersehen, dass eine Festlegung auf zwei gegensätzliche Geschlechter, die sich in ihrer Andersartigkeit ausschließen, schnell zur Einbahnstraße für die individuelle Entwicklung von Menschen werden kann.

Vermutlich sind die tatsächlichen biologischen Unterschiede zwischen Frauen und Männern viel zu gering, um das menschliche Wesen in seiner jeweiligen Einzigartigkeit zutreffend zu beschreiben. Und natürlich geht unter dem Geschlechterdualismus als Norm das Schicksal solcher Menschen unter, die sich als trans- oder intersexuell erleben. Daher dürfen Diskussionen über Sexualität, Geschlecht und Lebensentwürfe im Wandel eines nicht verkennen: Wenn Gesellschaften aus der übergroßen Mehrheit ihrer Erfahrungen geschlechtliche Orientierungsmuster entwickeln, laufen sie Gefahr, zugleich Herrschaftsstrukturen, Diskriminierung und Rollenzwang zu produzieren.

Dieser Gefahr gilt es im Namen der Toleranz, des gegenseitigen Respektes und der Freiheit jedes/jeder einzelnen entgegenzutreten: Die biblische Tradition beschreibt den Horizont einer neuen Gemeinschaft, in der Differenzen überbrückt, Über- und Unterordnungen aufgelöst und ein neues Miteinander möglich wird, das weit über Kategorien wie die der Geschlechter hinausgeht. Diese Zukunftsperspektive überwindet Ungerechtigkeit und Unterdrückung und verheißt jedem Menschen in seiner Individualität als Ebenbild Gottes eine neue Dimension von Freiheit und Hoffnung.

Bereits im Jahr 2013 hat das Evangelische Zentrum mit dieser Perspektive die Tagung „Liebesleben6“ durchgeführt, die auf außerordentlich großes Publikumsinteresse gestoßen ist. Die Website www.liebeslebenhochsechs.de gibt mit einführenden Texten einen Einblick in den weiten Kreis der Themen und die Vielfalt an Referent*innen.



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