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Diversity in kirchlicher Arbeit – die Dokumentation

Diskriminierung hat viele Gesichter: Alter, Herkunft, Körperform, sexuelle Orientierung, Religion – und mehr. Oft werden Menschen nicht nur wegen eines Merkmals diskriminiert, sondern sind Opfer von mehrfacher Diskriminierung – intersektionaler Diskriminierung. Auch wir als Teil der Kirche sind nicht dagegen gefeit, andere Menschen zu benachteiligen. Unsere Institutionen und Verbände bauen oft auf diskriminierenden Strukturen auf. Gelernte Muster beeinflussen so unsere Zusammenarbeit, unser ehrenamtliches Engagement und unsere Arbeit in der Kirche. So verhindern wir gerechte und gleiche Teilhabe aller. Wie können wir Diskriminierung erkennen und überwinden? Diesen Fragen gehen wir in unserem dreiteiligen Zoomseminar „Diversity in Kirchlicher Arbeit – Diskriminierung erkennen & überwinden“ nach.

Auf dieser Seite dokumentieren wir die Ergebnisse unserer drei Seminare. Hier finden Sie die Links zu den Impulsvorträgen, die wichtigsten Inhalte aus den Podiumsdiskussionen und allgemeine Link-Tipps zur Vertiefung des Themas.

Diversität und Antirassismus - ein Zaun mit Plakaten "Schluss mit Ignorieren", "Black Lives Matter" und "No Freedom till we're equal"

Schluss mit ignorieren – wer Diskriminierung erkennt, kann sie beenden.
Foto: EKHN/Volker Rahn

Diversität und Diskriminierung – zu Grundlagen und Begriffen

In Teil 1, den Grundlagen für Multiplikator*innen, ging es am 26. April 2022 um 14:00 Uhr um die Basics von Diversität und Diskriminierung. In maßgeblichen Überlegungen und Begriffsklärungen nähern wir uns dem Thema der mehrfachen Diskriminierung. Wir blicken auf die Wechselwirkung von Rassismus, Sexismus und anderen Formen der Diskriminierung, den Umgang mit Diversität und Sprache, unsere eigene Rolle und unser Handeln.

In der Dokumentation finden Sie hier:

  • Impulsvortrag „Gender, race, diversity“ von Nathalie Eleyth, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Ruhr-Universität Bochum
  • Schriftliche Zusammenfassung der Präsentation von Nathalie Eleyth
  • Schriftliche Zusammenfassung der Podiumsdiskussion mit:
    • Daniela Konrädi, Theologin, Afrodeutsche Pastorin der Nordkirche
    • Jana Mechelhoff-Herezi, Leitung Erinnerung an Sinti und Roma, Stiftung Denkmal
    • Antje Schrupp, Politikwissenschaftlerin, Präsidiumsmitglied der Ev. Frauen in Deutschland
Video: Gender, race, diversity - der Impulsvortrag Nathalie Eleyth

Das Video zeigt nur den Impulsvortrag von Nathalie Eleyth. Das Video wird von unserem YouTube-Kanal eingebettet. Die automatisch generierten Untertitel befinden sich derzeit in Überarbeitung.

Gender, race, diversity - die Kernaussagen der Präsentation

Gender, race, diversity – Grundbegriffe der Intersektionalität

ein Vortrag von Nathalie Eleyth im Seminar „Diversity in der kirchlichen Arbeit“ des Evangelischen Zentrums Frauen und Männer – Fachbereich Frauen, 26. April 2022, 14.00-17.00 Uhr

Einstieg

Intersektionalität –eine Begriffsbestimmung

Rassismuskritische Perspektive

Kimberlé Williams Crenshaw (* 1959 in Canton, Ohio)

Vier Bedeutungsebenen der Metapher „Straßenkreuzung“

Kritik gegenüber dem intersektionellen Analyseansatz

Sojourner Truth, Ain’t I a Woman (1851)

Relevanz der intersektionalen Analyseperspektive an Beispielen

Konsequenzen für Kirche

Reflexionsfragen zur kirchlich-kritischen Selbstprüfung

 

Einstieg

Indisch? Geil, hatte ich noch nie – Warum Dating als Woman of Colour wehtut von Sonali Beher in Supernova vom 23. März 2021

  • Verdeutlicht, was intersektionale Diskriminierung meint: „

Dass ich Inderin bin – oder anders: dass ich weder kartoffeldeutsches Aussehen noch Namen habe – scheint den ersten Akt aller meiner Dates zu schreiben. Dass sich Typen mit mir treffen wollen, hat allerdings oftmals wenig mit aufrichtigem Interesse zu tun. Vielmehr wird mir klar gemacht [sic!], wie „anders“ ich bin: wie anders ich aussehe, wie anders mein Name ist – und wie besonders sie sind, dafür, dass sie sich für mich interessieren. Ich, die ihr Leben lang in Deutschland gelebt und Bratwurst gegessen hat, bin plötzlich das Nischeninteresse: Ich werde exotisiert. […] Seitdem mir als viel zu junge Frau von viel zu alten Männern im Club zugeflüstert wird, dass ich ja so schön exotisch aussehen würde, weiß ich: Ich bin ein Fetisch. Die Möglichkeit, seinen Exotisierungsdrang beim Reisen, seine Lieblingspornokategorie auszuleben. Und so wird meine Kultur, meine Hautfarbe belächelt, erniedrigt und zu meinem Alleinstellungsmerkmal erkoren: Indisch? Geil, hatte ich noch nie, kann man mal machen.[i]

  • Die Autorin beschreibt weiter den Wunsch, als komplexer Mensch wahrgenommen zu werden und nicht als Vertreterin eines Alleinstellungsmerkmals:

Aber ich bin keine Sehenswürdigkeit, mich zu daten keine Urlaubsreise. Und Touris mag eh keiner.“[ii]

  • Dating ist politisch.
  • Der Artikel zeigt, dass Women of Color (WoC) von unterschiedlichen Abwertungsmechanismen betroffen sind. In diesem Fall augenscheinlich:
    • Sexismus
    • Rassismus
  • Unklar ist, welche Form der Diskriminug speziell greift. Alle Diskriminierungsmechanismen greifen ineinander, ergeben eine je spezifische eigene Form der Diskriminierung und machen WoC besonders verletzlich.

Intersektionalität –eine Begriffsbestimmung

Unter Intersektionalität wird verstanden, dass historisch gewordene Macht-und Herrschaftsverhältnisse, Subjektivierungsprozesse sowie soziale Ungleichheiten wie Geschlecht, Sexualität/Heteronormativität, Race/Ethnizität/Nation, Behinderung oder soziales Milieu nicht isoliert voneinander konzeptualisiert werden können, sondern in ihren ‚Verwobenheiten‘ oder Überkreuzungen (intersections) analysiert werden müssen. Additive Perspektiven werden überwunden, indem der Fokus auf das gleichzeitige Zusammenwirken von sozialen Kategorien bzw. sozialen Ungleichheiten gelegt wird. Es geht demnach nicht allein um die Berücksichtigung mehrerer sozialer Kategorien, sondern ebenfalls um die Analyse ihrer Wechselwirkungen.[iii]

  • Intersektionalität bezeichnet die verschränkte Wirkung von Mehrfachdiskriminierung bzw. das Ineinanderwirken von Herrschaftsverhältnissen
  • Intersektionalität ist ein Analyseinstrument, welches untersucht, wie sich Diskriminierungsformen in einer Person überschneiden
  • Die Intersektionalitätstheorie geht von einem strukturellen Zusammenhang von Rassismus, Sexismus, Kapitalismus, Heteronormativität (…) aus

Intersektionalität ist heute ein „Travelling Concept“ (K. Crenshaw), eine reisende Theorie, die überall angewendet wird. Wichtig ist, die Entstehung des Konzeptes nicht aus den Augen zu verlieren s.u.

Rassismuskritische Perspektive

  • Rassistische Denkstrukturen und Machtverhältnisse sind in allen Teilen der Gesellschaft tiefverwurzelt; jeder Mensch, der in Deutschland aufwächst, ist rassistisch sozialisiert.
  • Kritik des reduktionistischen Rassismusverständnisses: Rassismus als individueller und bewusster Fehltritt oder Externalisierung als böse Tat anderer (z.B. Neonazis) siehe dazu die Unterscheidung der Ethik zwischen Absicht und Wirkung
  • White privilege offenlegen und thematisieren: Weiß-Sein als Norm ist mit Privilegien und strukturellen Vorteilen verbunden.
  • weiß: keine biologische Eigenschaft, sondern gesellschaftspolitische Bezeichnung; aus Weißsein folgt eine Position in der Gesellschaft, die sich von BIPoC unterscheidet
  • Auseinandersetzung mit Abwehrmechanismen wie Derailing, Tone Policing, Gaslighting, white fragility, „myth of sameness“
  • Kritik an Eurozentrismus und Silencing als Form epistemischer Gewalt
  • Diskriminierungskategorien umfassen bspw.: Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Klassismus, Ableismus, Queerfeindlichkeit, Ageism, Lookism

Intersektionalitätstheorien …analysieren, kritisieren und überwinden eindimensionale Perspektiven auf gesellschaftliche Macht.

Kimberlé Williams Crenshaw (* 1959 in Canton, Ohio)

  • US-amerikanische Rechtstheoretikerin und Namensgeberin der Intersektionalitätstheorie und der critical race theory
  • „Demarginalizing the Intersection of Race and Sex“ 1989
  • Hintergrund: Emma De Graffenreid et al. versus General Motors (1976)
  • Analyseergebnis Crenshaws: Schwarze Frauen erleben Rassismus und Sexismus, den weder schwarze Männer noch weiße Frauen nachvollziehen können.
    • Intersection (engl.) = (Straßen)kreuzung
  • „Intersektionalität ist eine analytische Sensibilität, eine Möglichkeit, über Identität und ihr Verhältnis zu Macht nachzudenken.“

Vier Bedeutungsebenen der Metapher „Straßenkreuzung“

  1. Überschneidung von Sexismus und Rassismus als Diskriminierungsprozesse, Verkehr aus mehreren Straßen, die eine Kreuzung bilden
  2. Positionierung von schwarzen Frauen am Kreuzungspunkt
  3. Erhöhung des „Unfallrisikos“ und damit spezifische Schutzbedürftigkeit
  4. Nicht nur eine Ursache für etwaigen „Unfall“

„Diskriminierung aufgrund von race und Geschlecht überschnitt sich nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch in anderen Lebensbereichen. Ebenso bedeutsam ist, dass diese Hypothek so gut wie gar nicht von feministischen und Antirassismus-Gruppen thematisiert wurde. Intersektionalität war somit mein Versuch, Feminismus, antirassistischen Aktivismus und Antidiskriminierungsrecht zu ihrem eigentlichen Ziel zu verhelfen: Ich wollte die verschiedenen Straßen aufzeigen, welche Unterdrückung aufgrund von race und Geschlecht transportieren, sodass die Probleme einfacher zu diskutieren und zu verstehen sind.“[iv]

Kritik gegenüber dem intersektionellen Analyseansatz

  • „Opression Olympics“
  • herrschaftsstabilisierend statt emanzipatorisch
  • Atmosphäre des Schikanierens und „Privilegienabprüfens“
  • zu „theoretisch“ bzw. „Worthülse“
  • Fragmentierung sozialer Bewegungen durch Besessenheit von Identitätspolitik

Sojourner Truth, Ain’t I a Woman (1851)

„Der Mann sagt, dass Frauen beim Einsteigen in eine Kutsche geholfen werden müsse, und auch beim Überqueren von Gräben und dass ihnen überall der beste Platz zustehe. Mir hat noch niemand in einen Wagen geholfen oder über eine Schlammpfütze oder den besten Platz überlassen! Bin ich etwa keine Frau? Sehen Sie mich an! Sehen Sie sich meinen Arm an! Ich habe gepflügt, gepflanzt und die Ernte eingebracht, und kein Mann hat mir gesagt, was zu tun war! Bin ich etwa keine Frau? Ich konnte so viel arbeiten und so viel essen wie ein Mann –wenn ich genug bekam –und die Peitsche konnte ich genauso gut ertragen! Bin ich etwa keine Frau? Ich habe dreizehn Kinder geboren und erlebt, wie die meisten von ihnen in die Versklavung verkauft wurden, und wenn ich um sie weinte, hörte mich keiner außer Jesus! Bin ich etwa keine Frau? […]

Da sagt dieser kleine Mann in schwarz da zu mir, Frauen könnten nicht so viele Rechte haben wie Männer, weil Christus keine Frau war! Wo kam denn ihr Christus her? Von Gott und von einer Frau! Ein Mann war nicht daran beteiligt.“[v]

Relevanz der intersektionalen Analyseperspektive an Beispielen

  • Ausbeutung Schwarzer Körperlichkeit (Angela Davis)
  • Sexualisierte Gewalt im Jugoslawienkrieg (Nira Yuval-Davis)
  • „Misogynoir“: Frauenfeindlichkeit, die sich gegen schwarze Frauen richtet
  • Rassistische Fetische: Exotisierung von Women of Color
  • Rassistische Algorithmen, HateSpeech/Gewalt
  • Racial Profiling von Sexarbeiter*innen
  • Sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen mit Behinderung in Einrichtungen
  • (Kolonial-)Rassismus der deutschen Frauenbewegungen

Konsequenzen für Kirche

Veranstaltung vom 02. November 2022 Dear white Church – wie kannst Du ‚Safer Space‘ werden?

Der Studientag beschäftigte sich unter anderem damit, Rassismus in kirchlichen Prozessen und Strukturen aufzuzeigen und Strategien für eine anti-rassistische Kirche zu entwickeln.

Einig waren sich die Teilnehmer*innen des Studientages darin, Kirche als einen „Safer Space“ (sicheren Ort) für BIPoC zu gestalten. Dies sei aber ein langer Weg und alle müssten sich aktiv daran beteiligen. Rassismus zu bekämpfen, sei nicht primär Aufgabe derer, die negativ davon betroffen sind. Es sei vielmehr die Aufgabe weißer Menschen, so Daniela Konrädi, Pastorin der Nordkirche.[vi]

Safe –Safer –Braver

  • aus (queer-)feministischer Praxis
  • Sicherheit als Ziel & Illusion
  • physisch abgrenzbarer & sozialer Raum
  • gegenkultureller Raum, der kritisch gegenüber den unseren Alltag beeinflussenden Machtstrukturen ist
  • Reflexion, Heilung, Widerstand, Empowerment, Idenitätsvalidierung, Netzwerk
  • Förderung des Dialogs
  • Vermeidung von Diskriminierungen, Mikroaggressionen, Grenzüberschreitungen…
  • Prozesse & Strukturen für Situationen, in denen Diskriminierungen reproduziert werden

Reflexionsfragen zur kirchlich-kritischen Selbstprüfung

  • Ist Kirche/Gemeinde ein saferspace für Menschen, die von Mehrfach-Marginalisierung betroffen sind?
  • Sind Gottesdienste, Seelsorge, Gemeindegruppen und Jugendarbeit dominanzfrei und herrschaftskritisch ausgerichtet?
  • Im Hinblick auf welche Kategorien sind Gemeindeangebote differenziert?
  • Gibt es Empowerment-Räume für FLINTA?
  • Wer gestaltet Kirche, wer spricht in der Kirche, wer wird in die Kirche eingeladen?
  • Ist die gottesdienstliche Sprache inklusiv und diskriminierungssensibel?

 

Quellen

[i] https://www.supernovamag.de/indisch-geil-hatte-ich-noch-nie-warum-dating-als-woman-of-colour-wehtut/

[ii] Ebd.

[iii] Katharina Walgenbach, 2014.

[iv] in: Warum Intersektionalität nicht warten kann, 20. Mai 2019, Von Kimberlé Crenshaw, zitiert nach: https://www.gwi-boell.de/de/2019/05/20/warum-intersektionalitaet-nicht-warten-kann.

[v] Zitiert nach: Natasha A. Kelly, Schwarzer Feminismus. Grundlagentexte, 2019.

[vi] Pressemitteilung, Studientag zum Thema „Rassismus in Kirche“, Vereinte Evangelische Mission (VEM), Dr. Martina Pauly, Wuppertal 04. 11. 2021; https://www.vemission.or